Der BMI ist nicht überholt, aber er reicht allein nicht: Er ist ein guter erster Hinweis und für Gruppen aussagekräftig, kann bei einem einzelnen Menschen aber danebenliegen. Eine einzige Alternative, die ihn ersetzt, gibt es nicht. Sinnvoller ist, den Wert aus dem BMI-Rechner durch ein zweites Maß zu ergänzen.
Was der BMI kann
Wer den BMI Quatsch nennt, unterschätzt, was er in großen Studien leistet. Die Prospective Studies Collaboration wertete 57 Langzeitstudien mit rund 895.000 Menschen aus, vor allem aus Westeuropa und Nordamerika. Ergebnis: Der BMI sagte die Sterblichkeit in der Gruppe stark voraus. Die Autoren halten zugleich fest, dass andere Maße wie der Taillenumfang zusätzliche Information bringen könnten.
Dazu kommt das Praktische. Du brauchst nur eine Waage und eine Messlatte, die Rechnung dauert Sekunden. Die britische Leitlinie NICE nennt den BMI weiter ein nützliches, praktisches Maß und das Hauptmaß zur Definition von Übergewicht und Adipositas.
Was der BMI nicht kann
Der BMI rechnet nur aus Größe und Gewicht. Fett und Muskeln kommen darin nicht vor, die Fettverteilung auch nicht. Das hat Folgen in beide Richtungen.
Er übersieht Menschen. Eine Metaanalyse von Okorodudu et al. wertete 25 Arbeiten mit fast 32.000 Teilnehmenden aus. Die üblichen BMI-Grenzen fanden nur etwa die Hälfte der Menschen mit hohem Körperfettanteil. Menschen ohne hohen Fettanteil stuften sie dagegen selten als adipös ein.
Er stuft Menschen falsch ein. Bei viel Muskelmasse kann der Wert hoch sein, ohne dass viel Körperfett da ist. Das zeigen wir am BMI bei Sportlern. Laut Lancet-Kommission kann der BMI Körperfett zudem bei älteren Menschen und bei Menschen mit weniger Muskel- oder Knochenmasse unterschätzen, ebenso in bestimmten Bevölkerungsgruppen wie asiatischen. Auch die NICE-Begründung beschreibt, dass sich Altersveränderungen im BMI schlecht abbilden.
Er sagt nichts über Gesundheit im Einzelfall. Zwei Menschen mit gleichem Wert können sich sehr unterscheiden. Dem BMI fehlt jede Information darüber, wie Organe arbeiten.
Was die Lancet-Kommission vorschlägt
Anfang 2025 hat die Lancet-Kommission mit 58 Fachleuten einen neuen Rahmen vorgelegt, zahlreiche Organisationen haben ihn unterstützt. Drei Punkte sind für dich wichtig:
- BMI als Screening: Er soll nur noch für Bevölkerungsdaten und als Suchwerkzeug dienen, nicht als Maß für die Gesundheit einer einzelnen Person.
- Bestätigung durch ein weiteres Maß: Zu viel Körperfett soll direkt gemessen oder mit mindestens einem Körpermaß zusätzlich zum BMI bestätigt werden, etwa Taille, Taille-Hüft-Verhältnis oder Taille-zu-Größe-Verhältnis. Nur bei einem BMI über 40 darf es ohne weitere Prüfung angenommen werden.
- Krankheit getrennt vom Körperfett: Klinische Adipositas bezeichnet eine Erkrankung, bei der Organe oder der Alltag beeinträchtigt sind. Präklinische Adipositas bedeutet zu viel Körperfett bei erhaltener Organfunktion, mit erhöhtem Risiko für spätere Erkrankungen.
Das ist ein Vorschlag von Fachleuten und kein Gesetz. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft führt auf ihrer Definitionsseite weiter die BMI-Klassen und nennt die Kommission dort nicht.
Die Alternativen im Vergleich
Keines dieser Maße ist ein Allheilmittel. Die Tabelle zeigt, was jedes leistet:
| Maß | Was es erfasst | Was du brauchst | Wichtigste Grenze |
|---|---|---|---|
| Taillenumfang | Hinweis auf Fett im Bauchraum | Maßband | Grenzen je nach Geschlecht und Bevölkerung, Körpergröße fehlt |
| Taille-zu-Größe-Verhältnis | Bauchfett im Verhältnis zur Größe | Maßband | Einteilung von NICE gilt nur unter BMI 35 |
| Taille-Hüft-Verhältnis | Taille im Verhältnis zur Hüfte | Maßband | Grenzwerte unterscheiden sich je nach Quelle |
| Bioimpedanz | geschätzte Zusammensetzung des Körpers | Waage oder Gerät | Unterschiede zwischen Gerätetypen |
| DEXA | Fett, magere Masse und Knochen | Termin bei einem Anbieter | Arbeitet mit Röntgenstrahlen, geringe Strahlenbelastung |
Zwei Punkte aus der Tabelle verdienen eine Erklärung.
Beim Taille-Hüft-Verhältnis nennt die ABDA Werte unter 1,0 für Männer und unter 0,85 für Frauen. Der WHO-Bericht führt dagegen eine Grenze von 0,90 für Männer. Für die gleiche Messung kannst du also je nach Quelle zu einem anderen Ergebnis kommen.
Bei der Bioimpedanz sind sich die Fachleute uneins. Die Lancet-Kommission nennt sie als mögliche direkte Messung. NICE rät, sie nicht als Ersatz für den BMI zu nutzen. Campa et al. beschreiben zudem Unterschiede zwischen Gerätetypen. Die Details stehen in unserem Vergleich zum Messen der Körperzusammensetzung.
Der Grundumsatz beantwortet eine andere Frage. Er beschreibt deinen Energieverbrauch in Ruhe und ist kein Maß für Körperfett oder dessen Verteilung.
Was das für dich bedeutet
Eine einfache Reihenfolge reicht für den Anfang:
- Berechne deinen BMI als ersten Hinweis.
- Miss deine Taille. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft empfiehlt das ab einem BMI von 25, NICE hält den Blick auf das Bauchfett auch bei einem BMI im gesunden Bereich für wichtig.
- Sieh dir das Ergebnis zusammen mit Blutdruck und Laborwerten an.
Der dritte Schritt ist der wichtigste, und er ist der, den kein Rechner ersetzt.
Warum Körpermaße allein nicht reichen
Auch die Alternativen messen keine Gesundheit. Die Lancet-Kommission schreibt, dass Taille und ähnliche Maße zwar Risiken besser erkennen können, aber wie der BMI kein robustes Maß für eine laufende Erkrankung sind. Für die Beurteilung nennt sie die Vorgeschichte, die körperliche Untersuchung und Laboruntersuchungen.
Solche Angaben liegen selten an einem Ort. Blutwerte beim Hausarzt, Arztbriefe aus der Klinik, ältere Befunde in früheren Praxen. Erst zusammen und über die Jahre zeigen sie, ob sich etwas verändert hat. Wie du deine Unterlagen bekommst, erklärt der Ratgeber Befunde vom Arzt anfordern.

Du gibst einmal frei. Wir holen deine Befunde, auch die von vor Jahren.
- Einmal freigebenDu erteilst in der App eine Vollmacht. Damit darf anomalie deine Unterlagen in deinem Namen anfordern.
- Praxen findenanomalie fragt zuerst deine Krankenkasse nach deiner Leistungsübersicht. Daraus ergibt sich, bei welchen Praxen und Kliniken du warst, auch die, an die du dich nicht erinnerst.
- Anfragen und dranbleibenJede Praxis bekommt ein Schreiben nach § 630g BGB und Art. 15 DSGVO. Kommt nichts, erinnert anomalie automatisch und besteht auf der Monatsfrist.
- Alles an einem OrtAntworten per E-Mail oder Fax landen direkt in deinem Health Profile, Briefe scannst du mit der App. anomalie liest die Werte aus und ordnet sie.
Kein Faxgerät, kein Nachtelefonieren, keine Fristen im Kalender.
Befunde anfordern lassenWann du mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen solltest
Kein Maß in diesem Artikel ist eine Diagnose. Sprich mit deiner Praxis, wenn dein BMI oder deine Taille außerhalb der genannten Bereiche liegen, wenn sich dein Gewicht ungewollt stark verändert oder wenn dich das Thema belastet. Die Vorsorgeuntersuchungen nach Alter sind ein guter Anlass dafür.
Häufige Fragen
Ist der BMI Quatsch?
Nein. Er ist ein einfaches Maß, das für große Gruppen viel aussagt, etwa in der Auswertung von rund 895.000 Menschen. Für die Beurteilung einer einzelnen Person reicht er aber nicht aus.
Welche Alternative zum BMI ist die beste?
Eine beste gibt es nicht. Zu Hause sind Taillenumfang und Taille-zu-Größe-Verhältnis am einfachsten. Die Lancet-Kommission schreibt, dass auch diese Maße deutliche Grenzen haben.
Wird der BMI abgeschafft?
Nein. Die britische Leitlinie NICE nennt ihn weiter das Hauptmaß, um Übergewicht und Adipositas zu definieren, und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft nutzt ihn auf ihrer Definitionsseite ebenfalls. Verändert hat sich der Blick darauf, was er allein belegen kann.
Was ist klinische Adipositas?
Den Begriff hat die Lancet-Kommission vorgeschlagen. Er beschreibt eine Erkrankung, bei der zu viel Körperfett die Funktion von Geweben und Organen oder alltägliche Tätigkeiten beeinträchtigt. Ohne solche Einschränkungen spricht sie von präklinischer Adipositas.
Quellen
- Rubino et al.: Definition and diagnostic criteria of clinical obesity, Lancet Diabetes Endocrinol 2025, DOI 10.1016/S2213-8587(24)00316-4 (PMC)
- Okorodudu et al.: Diagnostic performance of body mass index to identify obesity as defined by body adiposity, Int J Obes 2010
- Prospective Studies Collaboration: Body-mass index and cause-specific mortality in 900 000 adults, Lancet 2009
- NICE: Overweight and obesity management (NG246), Identifying and assessing overweight, obesity and central adiposity
- NICE: Overweight and obesity management (NG246), Rationale and impact
- WHO: Waist circumference and waist-hip ratio, report of a WHO expert consultation (2008, erschienen 2011)
- ABDA: Bestimmung von Body-Mass-Index und Körperfettverteilung, Standardarbeitsanweisung für die Apotheke (Stand 02.2017)
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft: Definition von Adipositas
- Campa et al.: Assessment of Body Composition in Athletes, Nutrients 2021 (PMC)
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